Weil es Konflikte nicht nur im Busch gibt

Wie kann das sein?

Nach zwölf Stunden abenteuerlicher Fahrt durch den Busch Sambias kam ich endlich auf der Missionsstation an, die mein neues Zuhause sein würde. Größer noch als mein Gepäck waren meine Erwartungen: Als Zivi würde ich ein Jahr lang Gott dienen, in einem internationalen Team, in dem alle an einem Strang ziehen würden. Aus Erwartung wurde nach wenigen Wochen Ernüchterung. Ständig kam es zu Konflikten zwischen den Mitgliedern des Teams, mit den sambischen Christen und der einheimischen Kirche. Wie konnte das sein? Waren wir nicht alle Christen?

Wahrscheinlich haben auch Sie schon einmal in Ihrer christlichen Gemeinschaft so eine Enttäuschung erfahren. Da ist die Person aus dem Kirchengemeinderat, die sich wieder nicht an Absprachen hält. Da sind die persönlichen Differenzen im Hauskreis, die keiner mehr wagt anzusprechen. Da ist die unterschiedliche Auffassung in der Gemeinde über die Tagespolitik. Wie kann das sein? Sind wir nicht alle Christen?

Die Kraft der christlichen Gemeinschaft

Aus der Gemeinschaft der Christen kann große Kraft hervorgehen. Die Bibel ist voll von Beispielen, in denen Menschen gemeinschaftlich handeln: Jesus schickt die Jünger in Zweier-Teams los, Gott stellt Mose dessen Bruder Aaron zur Seite, Adam ist erst mit Eva komplett, die ersten Christen verteilen die Arbeit auf den Schultern mehrerer Diakone, zusammen bringen Soldaten und Priester die Mauern von Jericho zu Fall.

Jesus stellt sich seine Nachfolger nicht als Einzelkämpfer vor, sondern als eine starke Gemeinschaft.

Tobias Köhler

Die Kraft der Gemeinschaft erleben wir bei Coworkers jeden Tag. Gemeinsam mit unseren christlichen Partnerorganisationen weltweit verfolgen wir das gleiche Ziel: die Gute Nachricht verbreiten. Daran arbeiten wir, in der Stuttgarter Stadtmitte, mit unseren administrativen Tätigkeiten im Büro und unsere Partner in über 100 Ländern mit ihren Diensten an den Menschen: wenn sie Nähkurse für kenianische Witwen abhalten, Pastorenschulungen im Hochgebirge Nepals durchführen oder Lebensmittelpakete für Erdbebenopfer in der Karibik verteilen. Diese Dienste machen unsere Beter und Spender möglich. Ebendas beinhaltet der Name unseres Werkes. Das aus der englischen Bibel entnommene Wort „co-workers“ kann mit „Zusammenarbeiter“ übersetzt werden. Paulus verwendet es unter anderem in 1. Korinther 3 als er beschreibt, wie Menschen sich mit ihren unterschiedlichen Gaben als Einheit für das
Reich Gottes einsetzen. Dass die Gemeinschaft der Christen angefochten sein wird, muss Jesus klar gewesen sein. Ganze vier Mal betet er im hohepriesterlichen Gebet in Johannes 17 zu seinem Vater,
dass seine Nachfolger „eins“ seien. Jesus stellt sich seine Nachfolger nicht als Einzelkämpfer vor, sondern als eine starke Gemeinschaft. Doch wie kann diese gelingen?

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Gemeinschaft von Christen ist nicht der Garant für Einheit.
Auf mich kommt es an!

Schlüsselverse finden wir in Epheser 4. Hier ermuntert – ja, ermahnt uns Paulus zu einem Verhalten, das die christliche Gemeinschaft fördert: „(…) Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend!“ (Eph 4,1-2; ELB)

Im Anfang wird deutlich, dass es sich bei diesem Verhalten nicht um eine Option handelt, sondern um unsere Berufung. Angesichts der Zerrissenheit und der vielen Spannungen unter Christen ist unser persönlicher Einsatz gefragt. Paulus benennt dafür ganz konkret vier Herzenshaltungen: Demut, Sanftmut, Langmut und gegenseitiges Ertragen in Liebe.

Mit Demut und Sanftmut sollen wir unseren Glaubensgeschwistern begegnen. Jesus selbst hatte eine demütige Haltung, die darin ihren Höhepunkt fand, dass er unser Diener wurde und sein Leben für uns gab. Auch wir sind berufen, zu dienen und uns mit den Gaben, die Gott geschenkt hat, in und für die Gemeinschaft einzubringen.
Dann wird sie kraftvoll werden. Dazu trägt ein Umgang in Sanftmut bei, den auch Jesus gegenüber seinen Mitmenschen pflegte. Trotz seiner Autorität und Führungsstärke. Außerdem sind wir aufgefordert, einander mit Langmut in Liebe zu ertragen. Damit spricht Paulus den Punkt an, wenn menschliche Schwächen zu Herausforderungen im Miteinander führen. Er ruft zu Ausdauer auf, meinen Nächsten mit seinen Eigenarten zu ertragen. Das schaffe ich nur durch die Liebe, die den anderen nicht wegen seiner Vorzüge liebt. Und ihn auch nicht nur liebt, solange er sich gut verhält. Vielmehr ist es Liebe auf Vorschuss – und das immer wieder!

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Die Liebe zu meinem Mitmenschen ist immer Liebe auf Vorschuss.

Der Apostel beschreibt das Bild einer sich vertiefenden Gemeinschaft, deren Wunsch es ist, die christliche Einheit zu bewahren und wenn sie verloren gegangen ist, sie wiederzugewinnen. Dabei geht es ihm um die aktive Mitarbeit eines jeden. Dieses biblische Vorbild müssen wir uns klar vor Augen halten. Nur dann werden wir ein Leben führen, das dieser Berufung würdig ist. Wo immer Einheit gefährdet ist, sind alle
Gemeindeglieder angesprochen, sich für Frieden einzusetzen. Friede der von Christus kommt: „Der Frieden, der von Christus kommt, regiere euer Herz und alles, was ihr tut! Als Glieder eines Leibes seid ihr dazu berufen, miteinander in diesem Frieden zu leben.“ (Kol 3,15; NGÜ). Und das ist die erleichternde Nachricht: Paulus Ermahnung in Epheser 4 endet nicht mit den Anweisungen an uns.

Christus, die Grundlage christlicher Gemeinschaft

Wir müssen die Einheit der Gemeinde nicht erst schaffen. Das hat der Geist Gottes schon längst getan. In Epheser 4,4-6 wird uns die Verbindung genannt, die uns Christen in viel tieferer Weise eint als menschliche Schwächen und Fehler uns trennen können. Die Verbindung ist, dass wir einen Vater haben, in Jesus Christus einen Retter und dass der Heilige Geist in uns wohnt und uns belebt. Dieses Verbindende erlebe ich regelmäßig auf meinen Dienstreisen. Egal, auf welchem Flughafen der Welt ich von einem unserer christlichen Partner abgeholt werde: nach wenigen Minuten Gespräch stellen wir fest, dass uns etwas verbindet. Nämlich die eine Hoffnung, die wir teilen.

Jesus ist derjenige, der die Einheit schafft. Nicht wir als fehlerhafte Menschen.

Tobias Köhler

Das ist die vom Geist gegebene Grundlage der Einheit. Dieses Geschenk der Einheit gilt es zu bewahren. Immer angeleitet durch Christus: „Das ist die Haltung, die euren Umgang miteinander bestimmen soll; es ist die Haltung, die Jesus Christus uns vorgelebt hat.“ (Phil 2,5; NGÜ). Immer befähigt durch Christus: „Ihm [Christus] verdankt der Leib sein ganzes Wachstum (…)“ (Eph 4,16 NGÜ). In seinem Buch „Gemeinsames Leben“ beschreibt Dietrich Bonhoeffer, dass die Gemeinschaft der Christen nur durch Jesus bestehen oder gar gelingen kann. Bonhoeffer wählt klare Worte: „Christliche Gemeinschaft heißt Gemeinschaft
durch Jesus Christus und in Jesus Christus. Es gibt keine christliche Gemeinschaft, die mehr, und keine, die weniger wäre als dieses.“ (Bonhoeffer, Dietrich: Gemeinsames Leben, GTVH, München: 2020, S. 18). Jesus ist derjenige, der die Einheit schafft. Nicht wir als fehlerhafte Menschen.

Dennoch: Immer wieder werde ich in meiner christlichen Gemeinschaft auf Personen treffen, mit denen ich mir schwertue, weil sie anders sind als ich oder sich nicht so verhalten, wie ich es erwarte. Bonhoeffer gibt zwei Beispiele, wie das Miteinander durch Jesus trotzdem gelingen kann. Er versichert mir, dass die Liebe zu meinem Bruder oder meiner Schwester nicht aus mir entspringen muss. Sie kommt von Christus, der zwischen mir und dem anderen steht. Außerdem erinnert Bonhoeffer mich, dass es Gott war, der den anderen erschaffen hat und dass nur Gott diese Person prägen und verändern kann. Nicht ich. Bonhoeffer schreibt: „Ich bin dem anderen ein Bruder durch das, was Jesus Christus für mich und an mir getan hat; der andere ist mir zum Bruder geworden durch das, was Jesus Christus für ihn und an ihm getan hat.“ (Bonhoeffer 2020, S. 21).

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Eine zentrale Aufgabe besteht darin, Gemeinschaft zu gestalten.

Die Gemeinschaft unter uns Christen besteht schon. Jesus hat sie im hohepriesterlichen Gebet von seinem Vater für uns erbeten. Unsere Aufgabe ist es, die Gemeinschaft, die Einheit mit unseren Brüdern und Schwestern zu gestalten. Je mehr Jesus dabei der Grund dieser Gemeinschaft ist, desto eher gelingt sie.

Und nun?

Was kann ich in den nächsten Tagen tun, damit die christliche Gemeinschaft, an der ich teilhabe, gelingt und kraftvoll wird? Mir hilft es, wenn ich mich an Jesus wende und von ihm alles erbitte: Demut, Sanftmut,
Langmut und die Fähigkeit, meine Mitmenschen in Liebe ertragen zu können. Ich überprüfe, in welchen Situationen ich Groll hege, negativ über andere denke oder wo es zu Verletzungen kam. Wenn es etwas zu klären gibt, möchte ich auf die entsprechende Person zugehen. Zudem will ich sensibel für Streitigkeiten sein, bei denen ich vermitteln kann. Bei der Wahrung der Einheit der christlichen Gemeinschaft kommt es auf mich an – aber nicht nur. Ich möchte mich immer von Jesus leiten lassen. Er ist in dieser Sache bereits im Gebet für mich und für Sie eingestanden und wird uns auch jetzt zur Seite stehen.

Tobias Köhler ist Leiter des Arbeitszweigs Projekte (früher: Hilfe für Brüder International) bei Coworkers. Er und sein Team sind von Stuttgart aus mit lokalen christlichen Initiativen in über 100 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika verbunden und unter stützen durch projektbezogene Mittel.

Mehr Infos: www.coworkers.de

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