Gegen die Bitterkeit

Alle Blicke richten sich auf Jesus Christus, wohin er auch geht. Ein Mann, ausgestoßen und aufgegeben von der Gemeinschaft, besetzt von einer teuflischen Legion, empfängt im Vorbericht ganze Befreiung und Heil durch Jesus. Der Herr aber erntet für sein Eingreifen in Gerasa nur Hass und Ablehnung von einer ganzen Volksgruppe. Davon unbeeindruckt wendet sich Jesus am Westufer des Sees Genezareth den Menschen zu, die geduldig auf ihn gewartet haben. Das Verhalten des Meisters richtet sich nicht an schlechten Erfahrungen aus, so schlimm sie auch gewesen sind. Jesus ist die Liebe und empfängt vom Vater im Himmel beispiellose Geduld und Barmherzigkeit. Bitterkeit fehlt so der Nährboden und er
kann Jairus und der kranken Frau innerlich unbelastet begegnen.

Gegen die Verzweiflung

Wer einmal richtig krank gewesen ist oder dauerhaft Schmerzen erlebt, liest die Beschreibung der Frau mit der weitreichenden Bluterkrankung wohl sehr aufmerksam. „Sie hat viel erlitten von vielen Ärzten
und all ihr Gut dafür aufgewandt“ (Mk 5,26) – unsere Praxiserfahrungen sind wahrscheinlich anders. Freunde aus dem Balkan, die ich bei einigen Arztbesuchen begleiten konnte, waren immer erstaunt über die freundlichen Mitarbeiter, über kompetente Fachleute und natürlich auch darüber, dass die Behandlungskosten in der Regel von der Krankenkasse getragen wurden. Und dennoch machen viele Menschen die Erfahrung, dass ihnen – trotz allgemein guter ärztlicher Versorgung – nicht geholfen werden kann. Nicht wenige haben keine Möglichkeit, Linderung zu erfahren. Die Frau mit dem Blutfluss tritt an J Jesus heran. Sie will wohl keine Aufmerksamkeit und kein Mitleid. Sie sucht kein Gespräch, sondern nur den Saum seines Gewandes. Vielleicht ihre letzte Hoffnung! Und wie bewegend: Die Frau erreicht ihr Ziel und sofort ist das Leiden beendet.

Foto: istockphoto / 000012497376
Gegen die Heimlichkeit

Ich kann mir vorstellen, wie sich die Frau gefühlt haben muss: Einfach nur weg und in aller Stille weinen vor Freude und Überraschung! Doch Jesus kommt der Frau zuvor: „Wer hat mich berührt?“ Jesus will es wissen. Er kennt die Not und will nicht nur die Bluterkrankung heilen. Jesus sucht Beziehung. Und so spricht er der zitternden Frau zu: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen!“ Heimlichkeiten und Berührungsängsten entzieht der Herr den Boden. Er schenkt der armen Frau Frieden, Heilung und Freundschaft. Und er bewahrt sie vor einer neuen Last.

Gegen diverse Vorhaltungen

Bevor die geheilte Frau denken kann, ihre Heilung habe dem sterbenskranken Mädchen Unglück gebracht, greift Jesus ein. Er lässt auch nicht zu, dass Jairus bittere Vorwürfe erheben kann. Menschen entwickeln eine erstaunliche Kreativität, wenn es gilt, andere für ihre Notlagen verantwortlich zu machen. Jesus vermittelt nun allen Beteiligten eine wichtige göttliche Wahrheit: Ich komme nicht zu spät! Nicht zu spät bei der tragischen Erkrankung und auch nicht zu spät, wenn der Tod schon eingezogen ist. Selten verschiebt Jesus die Grenzen zwischen Leben und Tod. Denn für ihn ist Sterben nicht das Ende. Der Herr handelt hier in diesem Bereich vollkommen souverän und unabhängig. Und dennoch will Jesus hier klar unterstreichen: Ich komme nicht zu spät, nicht hier, nicht bei Lazarus, nicht in unserem Leben. Auch nicht mit Blick auf die Welt und seinem zweiten Kommen. Alles liegt in Gottes Zeit! Kommt der Herr zu spät? Wenn ich wieder mal gedanklich in dieser Richtung unterwegs bin, dann möchte ich an die sieben Menschen im Haus von Jairus denken: Sie konnten die Macht sehen, die dem Sohn Gottes zueigen ist.

Gegen die Kraftlosigkeit

In diesem Bericht begegnen wir einer Erfahrung, die in den Evangelien nur wenige Menschen gemacht haben. Jesus beschreibt es so: „Ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.“ Viele haben den
Herrn im Gedränge berührt. Aber nur die Frau hat es bewusst im Glauben getan und Kraft empfangen. Wie bemerkenswert! Der Apostel Paulus hat einmal in einem Verhör bekannt: „Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag“ (Apg 26,22). Gottes Kinder stehen oft in unsagbaren Nöten. Aber sie sollen Kraft empfangen und Hilfe erfahren.

Fragen zum Gespräch
  • Jesus im Glauben berühren – welche Erfahrungen haben wir selbst damit gemacht?
  • Menschen auf der Suche nach Heilung – wie können wir uns als Gemeinde Jesu richtig verhalten?

Hermann Josef Dreßen, Studienleiter
Malmsheim

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