„Glück gehabt“, sagt die Schülerin, der gerade bemerkt hat, dass der Lehrer in ihrer Klassenarbeit einen fetten Fehler übersehen hat. „Glück gehabt“, sagt der verliebte Mann, der vor dem Altar steht und seine strahlende Braut auf sich zukommen sieht. „Glück gehabt“, sagt die Radfahrerin, die es geschafft hat, gerade noch zu bremsen, bevor sie von dem heranrasenden Auto erwischt worden wäre. „Glück gehabt“, sagt Manfred, der den dampfenden Haufen Hundekot gerade noch sah, bevor er reintrat. „Glück gehabt“, sagt der Arzt der Krebspatientin, bei der nach der langen Chemo keine Krebszellen mehr zu finden sind.

Wenn Sie jetzt den Kopf schütteln, angesichts dieser obskuren Mischung von Lebenssituationen, die ich hier gerade aufgezählt habe, bin ich froh, denn dann geht es ihnen wie mir. Ist schon ziemlich merkwürdig, zu was für komplett verschiedenen Gelegenheiten wir so ein „Glück gehabt“ kommentieren. Aber was ist das eigentlich, dieses ominöse „Glück“? Ich schlage vor, wir fangen mal „buchstäblich“ an.

Das Wort

Das deutsche Wort Glück ist seit dem 12. Jahrhundert bekannt. Seine Herkunft ist allerdings etwas ungewiss. Fest steht, dass es eine Verwandtschaft zum englischen Wort „luck“ gibt. Ursprünglich bedeutete es so etwas wie: „Zufall“, „günstiger Ausgang“ oder auch „guter Lebensunterhalt“. In seiner übertragenen Bedeutung liegt es am ehesten auf einer Linie mit dem alttestamentlichen Begriff des „Segens“ (hebr. „barach“). So richtig viel weiter sind wir damit aber noch nicht. Dann fragen wir doch jetzt mal „vom Menschen her.“

Alles eine Frage der Hormone?

Es gibt bestimmte Hormone in unserem Nervensystem, die dann am Start sind, wenn wir glücklich sind und uns freuen. Endorphin heißt eines, Sportler schwören darauf und behaupten, nach stundenlangem Joggen einen wahren Glücksrausch zu erleben. Hat bei mir noch nicht geklappt, aber vielleicht mache ich etwas falsch … Dann das Oxytocin: ein spannender Stoff. Es wird beispielsweise ausgeschüttet nach der Geburt und sorgt für warme Gefühle der Zuneigung zwischen Mutter und Kind. Und ja, es ist wohl auch bei schwer Verliebten im Einsatz. Aber vieles ist da auch noch rätselhaft. Dann gibt’s da noch die sogenannten Botenstoffe, z. B. Dopamin und Serotonin. Auch sie scheinen eine wichtige Rolle beim Glücklichsein zu spielen.

Jesus sprengte damit wieder einmal den Rahmen. Er zeigte uns, dass es um andere Dinge geht im Leben.

Cornelius Haefele
Alles eine Frage der Einstellung?

René Descartes war der Meinung: „Glück ist ein Entschluss.“ Und irgendein Betriebswirtschaftsmensch
sagte mal: „Glück ist kein Zustand, sondern eine Fähigkeit.“ Wenn beides stimmt, wäre Glück theoretisch erlernbar. Dann würde man die Aufforderung von Paulus in Philipper 4,4 (LUT): „Freuet euch in dem Herrn
allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“, vielleicht so verstehen können, dass er damit sagen will: Strengt euch an, lernt es, euch zu freuen. „Klar!“, sagen jetzt die, die mit der Haltung unterwegs sind: Wer lächelt, hat mehr vom Leben. „So ein Mist!“, sagen aber wohl die, die aufgrund ihrer Umstände mit der Haltung leben: Wer mehr vom Leben hat, lächelt.

Alles eine Frage der Psychologie?

Die Psychologie hat herausgefunden, dass wir dann Glück empfinden, wenn wir auf etwas reagieren, das wir erleben: Das kann eine Begegnung sein, eine Situation, eine Wahrnehmung usw. Ob wir darauf aber mit Glücksgefühlen reagieren, hängt wiederum von vielen Faktoren ab, die als Informationen in unserem Gehirn gespeichert sind und nun angesichts des momentanen Erlebens wachgerufen werden.

Wenn ich den Duft einer frisch gemähten Wiese wahrnehme, geht es mir spontan gut und ich atme diesen Duft tief ein. Dann erlebe ich einen kleinen Glücksmoment und bin richtig zufrieden. Warum? Als Kind verbrachte ich meine Ferien in der Regel bei den Großeltern. Es kam vor, dass ich morgens davon aufwachte, dass unten auf der Baumwiese der alte Fendt-Traktor tuckerte und die Wiese gemäht wurde. Durchs offene Fenster roch es nach frischem Gras, nach Sommer und nach Ferien. Ich liebte das. All das wird heute noch wach, wenn ich diesen Duft wahrnehme.

Foto: © Die Apis
Alles eine Frage des Zufalls?

Schon in der Antike nahm man wahr, dass sich das Glück von außen z. B. in Form von guter Witterung
für die Ernte, günstigen Winden für die Seefahrt, einer reibungslos verlaufenden Reise usw. schlecht steuern ließ. Es lag darum nahe, darüber nachzudenken, ob diese Dinge von jemand anderem gesteuert würden oder nicht. Man begann, den glücklichen Zufall als Göttin zu verehren. Die Griechen nannten sie Tyche, die Römer Fortuna. Natürlich war man bemüht, diese Göttinnen möglichst günstig zu stimmen, damit sie einem das Glück auch zuteilwerden ließen.

Auch die alten Hebräer sahen es so, dass der Segen, der das Lebensglück garantierte, von Gott kam. Sie wussten aber schon, dass dieser Segen nicht wirklich verfügbar oder steuerbar ist und eben auch kein Zufall. Zwar versprach Gott Segen und knüpfte diesen auch daran, dass man nach seinen Geboten lebte. Es war aber klar, dass der Segen nicht so sehr in einer „Belohnung“ für das Leben nach den Geboten bestand. Stattdessen erlebte man sich schon dadurch gesegnet, wenn das Leben im Rahmen dieser Gebote gestaltet wurde, weil diese schon in sich selbst segensreich waren, z. B. dadurch, dass es keine Lynchjustiz oder Blutrache gab. Gehen wir einen Schritt weiter und fragen als Christen auch noch von Christus her.

Anleitung zum Glücklichsein

Jetzt kommen Bibelworte, die viele gut kennen. Da neigt man dazu, sie schnell zu überfliegen. Das wäre schade. Vielleicht wollen Sie diese Worte stattdessen besonders bewusst, eventuell sogar laut lesen.

Glücklich zu preisen sind die, die arm sind vor Gott;

denn ihnen gehört das Himmelreich.

Glücklich zu preisen sind die, die trauern;

denn sie werden getröstet werden.

Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen;

denn sie werden die Erde als Besitz erhalten.

Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten;

denn sie werden satt werden.

Glücklich zu preisen sind die Barmherzigen;

denn sie werden Erbarmen finden.

Glücklich zu preisen sind die, die ein reines Herz haben;

denn sie werden Gott sehen.

Glücklich zu preisen sind die, die Frieden stiften;

denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;

denn ihnen gehört das Himmelreich.

Glücklich zu preisen seid ihr, wenn man euch um meinetwillen

beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt.

Die Bibel, Matthäus 5,3-11 (Neue Genfer Übersetzung)

Nehmen Sie das wahr? Diesen absoluten Hammer, dass in dieser Aufzählung von Dingen, die glücklich machen komplett alles das fehlt, wovon wir immer denken, dass es glücklich machen müsse. Jesus redet weder von Besitz, noch Sicherheit, noch Gesundheit und nimmt nicht einmal das Wort „Liebe“ in den Mund. Stattdessen lauter erstaunliche Dinge, z. B.: Wer erkennt, dass er vor Gott ein Verlierer ist, ist ein wahrer Gewinner (V. 3). Oder: Nein, nicht die Putins, Trumps, Erdogans, Assads oder all die anderen Streithammel werden am Ende alles haben, sondern die, bei denen es niemand erwartet hätte (V. 5). Oder: Wer sich heute um andere kümmert, um den wird „sich gekümmert werden“ und zwar von Gott persönlich (V. 7).

Jesus sprengte damit wieder einmal den Rahmen. Er zeigte uns, dass es um andere Dinge geht im Leben. Er
wollte klar machen, dass das wahre Glück nicht darin liegt, das Glück zu suchen, sondern im Glück, also mit
ihm, zu leben und andere glücklich zu machen. Wussten Sie das? Es gibt Glücksforschung. Doch, wirklich! Man ist dem Glück auf der Spur. Seit Jahren schon. Man will es verstehen, vermessen und man wollte es natürlich greifbarer machen. Wie geht das denn, wirklich glücklich zu sein?

Einer, der es erforscht hat, ist der Philosoph Wilhelm Schmid. Er schrieb einige Bücher darüber. Eines ist klein, schnell zu lesen aber umso lesenswerter: „Glück – Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist.“ Man findet hier die Essenz seiner Glücksforschung. Und die ist erstaunlich. Man fand heraus, dass all die vielen Dinge, von denen unsere Welt uns verspricht „Das macht dich glücklich.“, es gar nicht tun. Jeder kennt den blöden Spruch: „Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt.“ Doch nicht mal das kann es. Schmid und seine Kollegen haben es glasklar herausgefunden: Geld, Besitz, Wohlstand, ein voller Kühlschrank, Designerklamotten, Autos, Häuser – alles taugt nichts. Es macht nicht auf Dauer glücklich. Schon das (oft vergebliche) Streben danach ist meist mit soviel Unglück versehen, dass man dann, wenn man es erreicht hat, es gar nicht mehr richtig genießen kann. Das „Glück
der Fülle“ nennen sie es und es macht nur hungriger.

Dann gibt’s das „Zufallsglück“. Aber das ist eine unzuverlässige Sache. Mal ist es da, mal nicht. Mal klappt
was, dann geht es wieder schief. Wer sich darauf verlässt, erlebt zwar Glücksmomente, aber auch viele Enttäuschungen.

Nicht viel besser ist es mit dem „Wohlfühlglück“. Jeder und jede will es haben und zwar möglichst immer und dauernd. Merkwürdigerweise nehmen wir das Wohlfühlglück aber nur dann besonders intensiv war, wenn wir dazwischen auch Zeiten des Nicht-Wohlfühlens erfahren haben. Der Hammer der Ergebnisse lautet einfach und etwas zugespitzt zusammengefasst: „Wer immer strebend sich bemüht“ das Glück zu suchen, wird erfolgreich unglücklich werden.

Aber wonach sollte man denn dann suchen nach Meinung der Glücksforscher? Und auch hier ist ihre Erkenntnis erstaunlich: Zunächst entdeckten sie, dass es möglich ist, im Unglücklichsein Glück zu finden. Und zwar dann, wenn man das Glück nicht mehr zum alleinigen Lebenswertfaktor macht, sondern anders fragt. Also nicht mehr: Was macht mich glücklich? Sondern: Was gibt meinem Leben eigentlich Sinn?

Halleluja, kann man da doch nur sagen und gleichzeitig auch ein bisschen erschrocken sein, dass nicht wir es waren, die das der Welt wieder ins Gedächtnis riefen. Schmid beschreibt ausführlich, wie man Sinn erleben kann und gipfelt darin, dass der letzte Sinn der wäre, welcher über diese Welt und mein Leben hinausginge. Weiter kommt er nicht, aber er ist doch nahe dran. Und nun wäre es an uns, den Menschen neu klarzumachen, dass der wahre Sinn in der Erkenntnis unseres Gottes zu finden ist. Denn wir wissen es doch: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück!“ (vgl. Ps 73,28).

Cornelius Haefele ist Personalvorstand bei den Apis

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