Texterklärung

Die hebr. Wurzel von Berufung kommt im Alten Testament etwa 760 Mal vor und hat die Grundbedeutung: „Mit dem Laut der Stimme die Aufmerksamkeit einer Person auf sich ziehen, um mit ihr in Kontakt zu kommen“ (Das große Bibellexikon, Bd. 1, S. 190). Vergleichbare Verben im Neuen Testament werden ca. 230 Mal verwendet. Es gefällt Gott offensichtlich, Menschen zu begegnen, mit ihnen Leben zu teilen und sie gleichzeitig mit besonderen Aufgaben zu betrauen. So hat es zum Beispiel Jeremia erfahren: Er lernte den Herrn kennen und erhielt von ihm den Auftrag, Prophet für Israel zu sein. Und auf diesem Weg erfuhr er auch, dass seine Berufung einen großartigen Vorlauf hatte: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete“ (Jer 1,5). Gottes Berufungen sind wohl keine spontanen Einfälle, sondern Ausdruck seiner Liebe, Fürsorge und Geduld.

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Die Berufung ist en Ausdruck von Gottes Liebe, Fürsorge und Geduld
Ein Ruf an alle

In der alten Kirche war Berufung dem geistlichen Stand vorbehalten. Wenn Mönche geweiht wurden, dann stellte man sie unter die Mahnung des Apostels Paulus: „Wandelt würdig eurer Berufung, mit der ihr berufen seid“ (Eph 4,1). Nur Geistlichen wurde das zugestanden. Auch hier hat die Reformation ein Umdenken gefördert. Martin Luther lehnte es ab, zwischen einem geistlichen und weltlichen Stand zu unterscheiden. Jeder Christ habe einen geistlichen Beruf, weil er durch das Evangelium zur Taufe und zum christlichen Glauben berufen sei (vgl. auch 1Petr 2,9.10). Und er habe ein weltliches Amt, nämlich durch seine berufliche Arbeit Gottes Schöpfung zu erhalten und gleichzeitig „sein Haus“ zu versorgen.

Wie tröstlich – Gottes Ruf schließt Menschen nicht aus, zielt nicht auf Auslese, sondern versteht sich als Aufforderung an alle, dem Schöpfer zu begegnen und in seiner Gemeinschaft zu leben. Der Herr ruft doch nicht, um zu sortieren. Sein Angebot ist ehrlich und dauerhaft: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh 6,37). Jeder, der nach dem Sinn seines Lebens fragt und damit immer auch die Frage nach einer persönlichen Berufung einschließt, darf sich den Hinweis von Paulus an die Gemeinde in Korinth aneignen: „Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ (1Kor 1,9). Lebenssinn oder Wertigkeit werden nicht durch das begründet, was wir Menschen tun und leisten oder was wir nach außen darstellen. Unsere von Gott erhaltene Bestimmung ist die Gemeinschaft mit ihm und eine feste Bindung zu Jesus Christus. Als Christen glauben
wir nicht einfach an Gott, sondern er nimmt in uns Wohnung (Joh 14,23). Oder wie Jesus es beschreibt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,5).

Der Ruf an Einzelne

Es gibt kein Berufungs-Schema. Jeder Mensch ist ein Schöpfungs-Original. Und so sind auch Gottes Wege
mit uns immer einzigartig und stets besonders. Der Zöllner Levi wird von Jesus in die Nachfolge berufen. Er wird Apostel. Zachäus, der den gleichen Beruf wie Levi ausübt, erhält vom Herrn einen anderen Auftrag. Auch wenn sein Leben grundlegend verändert wird, soll er sich nicht den Jüngern anschließen, sondern nun ein ehrlicher und gläubiger Zöllner sein, ohne dazu einen besonderen Auftrag erhalten zu haben. Auch den ehemals besessenen Gerasener gibt Jesus nicht den Befehl, ihm zu folgen, obwohl das genau der Wunsch des befreiten Mannes war. Wie verständlich: Nach der Befreiung von den vielen Dämonen wollte er nur noch bei Jesus bleiben. Doch der Herr hat einen anderen Weg mit ihm: „Geh hin in dein Haus zu den Deinen“ (Mk 5,19). Doch bevor er zu den Seinen geht, verkündigt er noch den Menschen in der Dekapolis (Gebiet der sog. Zehn Städte, östlich und südlich vom See Genezareth), welch große Wohltat der Herr an ihm getan und wie er sich seiner erbarmt hat.

Jesu Ruf ergeht an Einzelne. Er folgt dabei keiner Vorlage. Mit seinem Ruf wird das Leben von Menschen
grundlegend verändert. Und doch kann es auch Schmerzen geben, wenn es um Berufung geht. Manche
fragen: Was ist, wenn ich die Berufung Gottes für mein Leben nicht gelebt habe? Wenn ich den Ruf überhört habe, wenn ich abgelenkt war, unaufmerksam oder vielleicht auch unwillig? Dann können wir den Menschen sagen, dass die Berufung zur Gemeinschaft mit Gott weiterhin besteht und wir ihn bitten können, uns neu zu leiten und zu segnen.

Fragen zum Gespräch

  • Wie haben wir Gottes Berufung persönlich erlebt?
  • Welche Erfahrungen haben wir mit dem Berufungsprinzip gemacht? Wie wird es in den Gemeinden und Gemeinschaften angewendet?

Hermann Josef Dreßen
Studienleiter

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