Wenn ich den Himmel sehe …

Was ich an unserer Wohnung am meisten liebe, ist ein herrlicher Ausblick auf den westlichen Horizont. Wie oft schon stand ich staunend im Wohnzimmer und betrachtete fasziniert, wie der Himmel sich von blau zu violett und schließlich leuchtend rot verfärbte. Manchmal scheint der Himmel zu glühen, manchmal brechen sich plötzlich helle Strahlen durch dicke Wolkenschichten. Ich liebe die Natur. Wenn man vor der unendlichen Weite des Meeres steht, wenn der Blick über Berggipfel einen den Atem rauben will, wenn ein sternenübersäter Himmel einem die Sprache verschlägt, dann spüre ich etwas, was ich am ehesten mit Ehrfurcht beschreiben würde. In Psalm 8 scheint genau diese Stimmung aufgenommen zu werden:

„Wenn ich den Himmel sehe, das Werk deiner Hände, den Mond und die Sterne, die du erschaffen und an ihren Ort gesetzt hast, dann staune ich: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst? Wer ist er schon, dass du dich um ihn kümmerst!“

Psalm 8, 4+5 (Neue Genfer Übersetzung)

Mitten in der Größe der Schöpfung wird der Mensch sich bewusst, wie klein er ist und wie unfassbar gewaltig diese Welt und das All sind. Menschen in der Antike verbrachten den größten Teil ihres Lebens unter freiem Himmel, während wir in klimatisierten Räumen sitzen und Licht und Wärme nach Belieben steuern können. Wir sprechen davon, in die Natur zu gehen, weil wir gar nicht wahrnehmen, dass wir ein Teil dieser Natur sind. Wir alle leben jeden Tag von der Natur: Luft, Wasser, Früchte, Gemüse, Fleisch, Sonnenlicht. Ich glaube, dass wir in der Zivilisation etwas Wunderbares verloren haben: Das Verständnis, dass wir Teil dieses großen Ganzen sind. Wissenschaftler müssen uns erst wieder erklären, welch wohltuende Wirkungen von Waldspaziergängen auf unser Herz-Kreislaufsystem und unsere Psyche ausgehen, um uns zu motivieren, uns bewusst auf diese faszinierende Schöpfung einzulassen. Die Bibel beschreibt an vielen Stellen, wie die Welt von Gottes Herrlichkeit erfüllt ist, wie Bäume den Herrn loben, wie alles, was atmet und lebt, Gott verehrt. Morgens in aller Frühe den Vögeln zu lauschen, kann also einem Lobpreiskonzertbesuch gleichen.

Staunen im Alltag

Vor ein paar Jahren habe ich mir vorgenommen, täglich eine Naturbeobachtung zu machen. Wie das so mit Vorsätzen ist, schaffe ich das sehr oft nicht, aber immer wieder halte ich kurz inne: Wie genau sieht eigentlich das Blatt meiner Zimmerpflanze aus? Wie viele Grüntöne kann ich am Wegrand erkennen? Wie viele verschiedene Formen von Blättern und Gräsern? Welchen Duft hat eine Margerite? Ist es morgens der gleiche wie abends? Welche Struktur hat die Haut eines Apfels?

Foto: Katharina Kaufmann
Wer sich Zeit nimmt für Naturbeobachtungen wird daran erinnert, wie schön Gott diese Welt erschaffen hat.

Diese kleinen Beobachtungen sind oft nicht länger als eine Minute, man muss noch nicht einmal zwingend die Wohnung verlassen, aber sie helfen. Mitten im Trott erinnern sie mich daran, wie unfassbar schön diese Welt ist, in die Gott uns hineingesetzt hat. Wie viel Liebe zum Detail steckt in jedem noch so kleinen Aspekt der Schöpfung! Wir sind von einer verschwenderischen Schönheit umgeben, die darauf wartet, entdeckt zu werden! Ich kann nur empfehlen Naturbeobachtungen in den Alltag einzubauen!

Was ist da der Mensch?

Ein Mensch ist ein wahres Nichts im Vergleich zur schier unermesslichen Weite des Universums. Auf atomarer Ebene betrachtet sind wir alle nichts weiter als Sternenstaub, nicht mehr als eine kleine Randnotiz in der Fülle und Dauer der kosmischen Ordnung. Unendlich klein. Doch Psalm 8 macht eine erstaunlich Feststellung: Gott kümmert sich um uns. Der Ewige kommt dem Endlichen ganz nah, der Unermessliche denkt an uns – uns kleine menschliche Kreaturen. Und nicht nur das:

Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, mit Ehre und Würde hast du ihn gekrönt.

Psalm 8,6 (Neue Genfer Übersetzung)

Wir Menschen, alle, sind von Gott mit Ehre und Würde gekrönt. Bei der Schöpfung betrachtet Gott alles, was er gemacht hat und kommt zu dem Urteil: Sehr gut (vgl. Mose 1,31). Natürlich habe ich, fromm-evangelikal, wie ich aufgewachsen war, das nie infrage gestellt. Aber an zwei Stellen fiel es mir innerlich schwer, dem zu zustimmen.

Zum einen beim Blick in den Spiegel. Sofort fiel mir eine Vielzahl von Dingen auf, die ich alles andere als
sehr gut fand. Als Teenager waren es zu viel Fettpölsterchen, unreine Haut oder struppige Haare. Sich selbst und seinen Körper als sehr gute Schöpfung zu bejahen, wenn man nicht dem Schönheitsideal entspricht, ist nicht leicht. Soziale Medien und Werbung helfen auch nicht dabei. Die Jahre haben mir sicherlich geholfen mit diesem Teil besser umzugehen, aber auch eine neue Sicht auf mein zweites Problem mit der guten menschlichen Schöpfung: Ich betrachtete den Menschen – und damit auch mich – immer als defizitär. Der Mensch ist zwar gut geschaffen, aber … Das Aber bestand in der Sündhaftigkeit
des Menschen, in der nie zu schaffenden Aufgabe, ein heiliges, gerechtes Leben zu führen. Nie konnte man
genug beten, Bibel lesen, lieben, für andere da sein, vergeben. Immer gab es da noch so viel, was nicht in
Ordnung war und Vergebung brauchte. Immer fehlt es noch an etwas.

Gott hat uns gut geschaffen und für alles andere gibt es seine Gnade.

Sabine Zöllner

Aber ist der Mensch schon vollständig beschrieben, wenn wir sagen, dass er ein Sünder ist, der Vergebung braucht? Die Bibel tut das nicht. Sie reduziert uns Menschen nicht auf unsere Fehlerhaftigkeit. Sie sagt über uns, dass wir sehr gut sind, mit Ehre und Würde gekrönt. Mich als einen Menschen zu begreifen, den Gott mit Gnade, Ehre, Liebe und Ansehen würdigt, hat mir geholfen mich selbst Stück für Stück besser anzunehmen und auch meine Mitmenschen mehr und mehr unter diesem Blickwinkel zu sehen. Gott hat uns gut geschaffen und für alles andere gibt es seine Gnade. Das klingt womöglich salopper, als ich es meine. Es ist aber eine Aussage, die mich trägt.

Foto: Katharina Kaufmann
Die Bibel reduziert uns nicht auf unsere Fehlerhaftigkeit.

Momentan habe ich nicht mehr mit der Struktur meiner Haare zu kämpfen oder meinem Gewicht, wenn ich in den Spiegel sehe. Dafür erschrecke ich mich manchmal über meine blasse Haut oder die tiefliegenden Augen. Seit über einem Jahr habe ich die Diagnose ME/CFS (Chronisches Fatigue Syndrom). Meine Energiereserven sind so klein, dass ich nicht arbeitsfähig bin und schon Alltagsanforderungen als sehr anstrengend empfinde. Doch trotzdem gilt: Gott hat mich gut geschaffen und mit Ehre und Würde gekrönt. Es ist eine Gnade für mich, dass ich mit meiner Situation sehr gelassen umgehen kann. Viel hat
damit zu tun, dass ich nicht mehr versuche, ein noch besserer Christ zu werden, sondern mich freue, dass Gott mich hält, ich mich an ihm und seiner Schöpfung freuen darf und ihm das schon völlig genügt. Keine Leistung ist nötig, meine Ehre und Würde ist nicht davon abhängig, sondern von Gott verliehen. Brauche ich Vergebung?

Selbstverständlich! Doch wenn unser Handeln kein Sündenvermeidungsprogramm mehr ist, können wir aus der Fülle Gottes schöpfen, als Teil seiner guten Schöpfung!

Ein gewaltiger Auftrag

Psalm 8 bleibt aber nicht dabei stehen, die Würde des Menschen zu betonen. Der Mensch bekommt eine ungeheure Position innerhalb der Schöpfung zugesprochen:

Du hast ihn zum Herrn eingesetzt über deine Geschöpfe, die aus deinen Händen hervorgingen; alles hast du ihm zu Füßen gelegt. Du hast ihm Schafe und Rinder unter stellt und dazu alle frei lebenden Tiere in Feld und Flur, die Vögel, die am Himmel fliegen, ebenso wie die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.

Psalm 8, 7-9 (Neue Genfer Übersetzung)

Selbst heute hört es sich für meine Ohren vermessen an, von der Herrschaft des Menschen über alle Tiere zu sprechen! Als hätten wir Mücken, Wölfe, Hausstaubmilben oder Vögel unter unserer Kontrolle! Wie viel verwunderlicher ist es, so eine Aussage lange vor dem industriellen Zeitalter zu tätigen? Gott übergibt dem Menschen die Herrschaft. Wir Menschen sollen regieren über die Tierwelt.
Vor einiger Zeit hörte ich ein Interview mit einem Evangelikalen in den USA, der bestritt, dass es einen
menschengemachten Klimawandel geben könne, weil doch Gott Herr der Welt sei und wir uns das gar nicht anmaßen dürften. Interessanterweise sagt die Bibel genau das Gegenteil. Wir haben die Macht auf diesem Planeten. Aber wenn man sich ansieht, was wir Menschen daraus gemacht haben, haben wir diese Verantwortung für die Natur nicht wahrgenommen, sondern sie stattdessen gierig für unsere Zwecke ausgebeutet. Statt verantwortliche Haltung von Vieh verursacht Massentierhaltung Methan- und Lach
gase, die den Treibhauseffekt verstärken, Nitrat gelangt durch zu viel Gülle auf zu kleiner Fläche ins Grundwasser. Momentan sind so viele Tierarten bedroht, wie noch nie zuvor: WWF listet 40.000 Tierarten, die bald aussterben könnten. Hauptursache ist der Mensch, der Lebensräume zerstört und den Klimawandel verursacht. Es gibt mehr Mikroplastik im Meer als Plankton – in manchen Bereichen ist das Verhältnis 6 zu 1.

Es ist allerhöchste Zeit, dass wir Menschen die Schöpfung wieder entdecken: Uns als einen Teil von ihr betrachten, durch sie ins Staunen über unseren Schöpfer geraten und unsere Verantwortung für sie ernst nehmen. Das Schöne dabei: Gott selbst liegt die gesamte Schöpfung am Herzen – uns eingeschlossen! „Herr, unser Herrscher, wie berühmt ist dein Name in aller Welt!“

So werden die Sünde und die Bitte um Vergebung beschrieben. Ein Leben ist nicht so, wie es sein sollte. Menschen sind an Gott schuldig geworden. Sie haben ihm durch ihr Denken, Reden und Handeln Leid zugefügt. Und nun bietet Gott Versöhnung an.

Sabine Zöllner
Theologin

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