Texterklärung

Fast alle Psalmen zwischen dem 3.-41. Psalm haben den Verfasser David. Die Einzelheiten aus Psalm 22 in sein Leben einzuordnen, fällt schwer. Die beschriebene Situation gleicht eher einer Hinrichtung als einer Krankheit oder Verfolgungssituation. Der Beter fühlt sich in seinem Erleben von Gott verlassen, denn seine Rufe nach Gott werden scheinbar nicht erhört. Erst ab Vers 23 ändert sich die Stimmung. Anders als in vielen anderen Psalmen fehlt ein Sündenbekenntnis oder der Wunsch, die Feinde mögen bestraft werden. Dies weist schon auf die tiefere Bedeutung hin: Es ist der Leidenspsalm Jesu am Kreuz. Die Bilder beschreiben Jahrhunderte früher die Leidensgeschichte Jesu.

Schreien erlaubt! (V. 2-3)

Als Christen „schreien“, also klagen? „Wir müssen den unteren Weg gehen!“, hören wir immer wieder und das alte, aber bei Beerdigungen immer noch viel gesungene Lied „Jesu geh voran“ wird zitiert: „Und auch niemals über Lasten klagen. Denn durch Trübsal hier, führt der Weg zu dir.“ Also „Schreien verboten?“ Psalm 22 stellt ein klares „Nein!“ dagegen. Der Mensch darf sein Leid herauslassen – wie gut aber, wenn er weiß, zu wem er mit seinem Klagen kommen darf: Mein Gott! Ziel meiner Klage ist nicht die weiße Wand, der Nachbar oder der Putzeimer, der getreten wird. Ziel meiner Klage ist Gott!

Vertrauen möglich! (V. 4-6)

Der erste Schritt aus der Not ist nicht immer die abgewendete Not. Davids Klage wird von ihm selbst unterbrochen, indem er davon spricht, dass Gott vertraut werden kann. Dabei greift er nicht auf eigene Erfahrung zurück, sondern auf die, die das Volk Gottes mit Gott gemacht hat. Die Väter hofften und wurden nicht enttäuscht.

Verzweiflung trotz Glauben? (V. 7-9)

Wenn man Gottes Eingreifen in der Geschichte erlebt hat, dann müsste man doch zweifelsfrei glauben können? Der Psalmbeter erlebt es anders. Seine eigene Verzweiflung ist so groß, dass aus dem „aber du“ (V. 4) ein „aber ich“ (V. 7) wird. Der Glauben an Gottes Möglichkeit muss der Seele noch lange nicht zu einem Schritt aus der Grube verhelfen.

Gott will mich! (V. 10-12)

Was der Blick auf Gottes Geschichte mit anderen nicht auslöste (zweifelsfreien Glauben), das muss doch durch eigenes Erleben möglich werden. Gott hat mich gewollt! Ist dies endlich der Schritt zur erlösenden Hilfe? Nicht wirklich, denn dem Beter bleibt nur eine tiefe Bitte: „Sei nicht ferne von mir!“ Denn er weiß, dass keine menschliche (irdische) Hilfe mehr möglich ist.

Foto: pixabay.com / StarFlames
Ist nicht doch alles umsonst? (V. 13-19)

Die Aufzählung ist erschütternd. In Bildern der Folter beschreibt der Psalmbeter seine Situation. „Ausgeschüttet wie Wasser“ – stellen wir uns den Markplatz eines damaligen Dorfes vor: staubig, grobe Steine als Untergrund und dann einen Eimer ausgeschüttetes Wasser. Unmöglich, das Wasser wieder zurückzuholen. So sieht er sein Leben: Ohne Chance auf Rettung verloren!

Letzter Aufschrei um Hilfe (V. 20-22a)

Wo alles verloren scheint, da hilft nur noch Gott! „Errette mich – hilf mir!“, das sind die beiden letzten
Rettungsanker: Wenn Gott nicht eingreift, dann ist alles umsonst.

Rettung erfolgt! (V. 22b)

Mitten in der Bitte steht ein Satz wie ein riesengroßer, stabiler Felsen in der Brandung: „Du hast mich erhört!“ Im Hebräischen nur ein einziges Wort, einfach kommen tarlos an die beiden Bitten in V. 21 und 22 angehängt.
Was ist es, was die Rettung auslöste? Das wird nicht beschrieben, sondern nur festgestellt, dass Gott ihn
erhört hat. Vielleicht ist gerade dies die Erfahrung des Beters und auch unsere Erfahrung heute: Ganz plötzlich greift Gott ein. Wir wissen nicht, warum und wieso dies jetzt geschieht, aber es geschieht. So spannend es auch wäre, wie es zur Erhörung gekommen ist – es genügt, dass Gott eingegriffen hat.

Jesus von Gott verlassen?

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ – Jesus, für uns als der Gerechte leidend, betet Verse aus Psalm 22 und erleidet die vom Beter beschriebenen Nöte. Wie kann aber Jesus Christus sagen, dass er von Gott verlassen wurde? Kann die Einheit zwischen Vater und Sohn überhaupt aufgehoben werden? Stirbt nicht in Jesus Christus Gott selbst am Kreuz von Golgatha? Genau dies ist die schwerste Not, die Jesus am Kreuz tragen muss: Die Schuld des Menschen löst die Trennung von Gott aus. Weil Jesus die Schuld trägt, deshalb ist er, der aufs Engste mit dem Vater verbunden ist, von Gott getrennt. Hier leidet der eine Gott und wird aus Liebe zu dem Menschen (bildhaft) zerrissen in den gekreuzigten Sohn und den liebenden Vater. Und dies geschieht nicht nur scheinbar, sondern in Wirklichkeit.

Gottfried Holland, Pfarrer
Schwieberdingen

Fragen zum Gespräch

  • Wo stand ich in tiefer Not?
  • Wie war meine Gottesbeziehung?
  • Welche Wege aus der Not habe ich erlebt?
  • Kann ich Rettung als Gottes Weg in meinem Leben erkennen?

gottverlassen

Es ist der Tag, der alles verändert. Karfreitag. Jesus stirbt. Für die Schuld der Welt. Für unsere Fehler, unser Versagen. Lass dich einladen, diesem Geschehen nachzugehen und Karfreitag für dich zu entdecken – als Tag, der dein Leben verändert. www.magazin-gemeinschaft.de/ostern

Die Feiertagserklärer

Jahr für Jahr dasselbe Thema: Warum gibt es an Karfreitag so viele Verbote? Johannes von den Feiertagserklärern erzählt, warum der stillste Feiertag im Jahr so ruhig ist.

Diesen Beitrag teilen