Nach seiner Promotion zum Thema ‚Missionarischer Gemeindeaufbau‘, war Prof. Dr. Michael Herbst u. a. Vikar und Pfarrer in der Ev. Matthäus-Kirchengemeinde Münster, Krankenhaus-Seelsorger im Kinderzentrum Gilead (Bethel bei Bielefeld), 1996 bis 2021 Lehrstuhlinhaber für Praktische Theologie in Greifswald. 2004 bis 2022 war er Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald. Er ist ein beliebter Prediger und Redner, hält Vorträge und veröffentlichte zu Fragen der Seelsorge, zu Predigt und Gottesdienst, zu Gemeindeaufbau und Mission. Wir haben uns mit ihm über das Thema „Heile Welt“ unterhalten.

Was war früher eigentlich besser als heute, Herr Prof. Herbst?

Wenig, ehrlich gesagt! Es gab mal andere Deutsche Meister als den FC Bayern (z. B. den VfB und den BVB!). Aber ansonsten glaube ich nicht an die Idee, dass früher alles besser war. Natürlich gehen wir gerade durch schwere Zeiten und erleben eine Welle von Krisen. Manches war z. B. in den 1990er-Jahren (in der Euphorie nach dem Fall der Mauer) leichter. Aber lange hatten wir eben die Mauer zwischen Ost und West, es gab fast keine Hoffnung gegen HIV/Aids, wir waren völlig zerstritten wegen der Kernkraft und des NATO-Doppelbeschlusses. Es ging vielleicht alles etwas ruhiger und langsamer zu, aber war das immer besser? Es waren mehr Menschen noch in der Kirche (und ich bin nicht glücklich über die vielen Austritte heute), aber waren viele wirklich „in“ der Kirche? Ich glaube, dass jede Zeit ihre Stärken und Schwächen hat – und ich verwechsele keine Zeitspanne mit dem Reich Gottes!

Foto: Lionel Cironneau
Dem Fall der Mauer 1989 ging eine jahrzehntelange Zeit der deutsch-deutschen Trennung voraus.

Die Ratsvorsitzende der EKD, Annette Kurschus, hat in einer beachtenswerten Rede zum Johannistag darauf hingewiesen, dass der Mensch eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an Katastrophen habe. Viele schalten den Fernseher aus, wenn wieder über die Ukraine oder Corona berichtet wird. Warum neigen wir als Gesellschaft dazu, die großen Kummerthemen einfach zu verdrängen?

Gewiss tun das manche, aber in der Mehrheit erlebe ich meine Mitmenschen gerade als sehr nachrichtenaffin. Psychologen raten im Übrigen dazu, sich nicht permanent den Kriegs- und Krisen-Nachrichten auszusetzen, sondern den Zugang zu den Medien zu portionieren: sich ein oder zwei Mal am Tag gezielt zu informieren und sich nicht andauernd vom „Pling“ des Smartphones irritieren zu lassen. Unsere Seele hält das offenbar nicht aus. Gut informiert zu sein und die Hand am Puls der Zeit zu haben, ist gut. Das Gehörte und Gelesene im Gebet Gott hinhalten zu dürfen, ist unser Privileg. Also: Nein, ich fürchte gerade weniger die Verdrängung als die Überflutung.

Die Sorge um unsere globale Welt lässt uns mitunter ohnmächtig werden. Wir spüren alle, dass wir im Kleinen etwas beitragen können (z. B. Installation von Solaranlagen auf unseren Dächern), ohne dass wir damit einen wesentlichen Beitrag zur Rettung der Welt leisten. Was können wir denn als Christenmenschen fürs Ganze beitragen?

Ja, Skeptiker rechnen uns das immer wieder vor, wie wenig unsere kleinen Bemühungen tatsächlich z. B. gegen die Klima-Erwärmung bewirken. Mag sein, aber es wäre ja zynisch zu sagen: „Dann können wir ja gleich alles bleiben lassen!“ Die Regierung hat uns gerade im Blick auf das Einsparen von Gas etwas anderes vorgerechnet: Für den eigenen Geldbeutel, für die Gasreserven und das Klima macht es dann eben doch etwas aus, wenn Millionen Einzelne die Temperatur beim Duschen und Heizen um 1-2 Grad herunterschrauben. Christen werden hier einerseits wissen, dass nicht sie die Welt retten, andererseits
kennen sie die Absichten Gottes, seinen Willen und seine Verheißungen. Und dann können sie eigentlich nur dem „entgegenleben“, was Gott will und plant. Also: Wir sind keine Weltenretter, aber Zeugen für Gottes gute Pläne!

Foto: pexels.com / -lars-h-knudsen-1317174
Als Christen sind wir keine Weltenretter, aber wir können Gott durch unser Tun bezeugen.

Was ist heute unser „Apfelbäumchen“, das noch zu pflanzen wäre?

Da fiele mir zuerst mein „Lebensthema“ ein: mithelfen, dass es vitale Gemeinden gibt, Hoffnungsorte für
Menschen, die von den vielen Krisen geplagt werden; Orte, an denen Menschen in Gemeinschaft mit anderen einüben, wie das Leben mit Gott aussieht, in guten und in schweren Zeiten, von Gnade getragen, mit menschenmöglichen Aufgaben beauftragt, getröstet und tröstend, realistisch und hoffnungsvoll. Manche sagen, die Zeit von Gemeinde, Gottesdienst, Kleingruppen gehe zu Ende – ich glaube das Gegenteil. Gäbe es lebendige Gemeinschaften nicht, man müsste sie neu erfinden. Und manches müssen wir auch neu erfinden. Wenn wir solche Hoffnungsorte bilden wollen, dann müssen wir beweglicher werden, Schwellen senken, zugänglicher werden, näher am Puls der Zeit und an den Freuden und Sorgen
unserer glaubensfernen Mitmenschen. Diesen Apfelbaum sähe ich gerne aufblühen.

Sie waren auch viele Jahre als Seelsorger in einem Kinderkrankenhaus tätig. Lässt sich bei Kindern und
Eltern eine Gemeinsamkeit im Umgang mit Krankheit und Leid erkennen? Findet sich in uns eine Art genetisch angelegter Überlebenskünstler?

Die Jahre im Kinderzentrum in Bethel waren für mich prägend: Was trägt im Glauben, wenn es ernst wird – und was nicht? Was kann ich in einer lebensbedrohlichen Krise am Krankenbett eines Kindes sagen – und was nicht? Mich hat mit am meisten beeindruckt, dass Kinder ihre Lage viel schneller durchschauen, als Erwachsene glauben. Wenn man auf ihre Signale achtet, dann merkt man, dass sie nach Weggefährten suchen, mit denen sie ihr Wissen, ihre Sorge, ihre Angst teilen können. Oft merken sie, dass ihre Eltern es kaum tragen können – und schonen ihre Eltern. Das Schweigen belastet aber alle. Kinder finden jedoch Wege, es zu brechen. Es war oft brutal hart, aber diese Kinder waren meine Helden. Meine Lieblingsgeschichte handelt von einem fünfjährigen Mädchen mit geringen Überlebenschancen, der ich
am Abend die Geschichte von der Stillung des Sturms erzählte. Über der Geschichte schlief sie ein. „Toll“, dachte ich, „das lief ja super.“ Am nächsten Morgen sprach mich die Mutter an. Ihre Tochter hatte ihr beim Aufwachen gesagt: „Du, der Pastor war hier, und ich bin mit Jesus im Boot eingeschlafen.“ Mich hat es immer selbst sehr berührt, wie die Jesus-Geschichten gerade hier, wo um kleine Menschenleben gerungen wird, ihre Kraft entfalten.

Wir sind keine Weltenretter, aber Zeugen für Gottes gute Pläne!

Prof. Dr. Michael Herbst

Wie antworten Sie auf die Sehnsucht nach einer heilen Welt, wenn sie in Gesprächen damit konfrontiert werden?

Ich würde das nicht zu schnell kritisieren („Das ist uns aber nicht verheißen!“). Es ist ja eine absolut nachvollziehbare Hoffnung. Gerade wenn es schwer wird. Von Dietrich Bonhoeffer habe ich gelernt, dass es für uns Christen richtig ist, der Erde treu zu bleiben und „der Stadt Bestes“ (Jer 29) zu suchen. Wir leben ja zwischen Ostern und der Wiederkunft des Herrn. Theologen sagen gern: im „schon jetzt“ und „noch nicht“. Will sagen: Es muss auch nicht immer alles schlimmer und schlechter werden. Es gibt aus Gottes „erhaltender“ Gnade heraus Barrieren gegen das Böse, Siege gegen Krankheit, Familien, die intakt sind, politische Konflikte, die gelöst werden, gute Ideen gegen den Klimawandel und auch ein bisschen persönliches Glück. Das darf ich erhoffen und erbitten. Es ist das „tägliche Brot“ und ein Abglanz des Reiches Gottes, wo Gottes guter Wille regiert. Das andere, die Enttäuschung, das Bittere und Schwere, das „nicht mehr“ und „noch nie“ – das sehen und spüren wir ja von selbst. Heil wird die Welt, wenn Jesus sein Reich endgültig durchsetzt. Vorher nicht. Darum aber muss man nicht Sehnsucht nach und Erleben von etwas „heiler Welt“ schlecht machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Herbst ist einer der Redner bei der Konferenz am 1.11.2022 in der Liederhalle Stuttgart,
bei der sich alles ums Thema „Heile Welt“ dreht.. Alle Infos gibt es unter www.konferenz.die-apis.de.
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